Steingartenglück-Floßgrabensteiger
Steingartenglück-Floßgrabensteiger

Unterwegs mit dem Grabensteiger

Als am 18.06.1556 der Bau des Floßgrabens begann, konnte sich niemand vorstellen, dass er 450 Jahre später als Bergbautechnisches Denkmal und einzigartiger Wanderweg für eine ganze Region von enormer Bedeutung ist.

Zu einer Zeit als der Schneeberger Bergbau riesige Mengen Holz für den Ausbau der Schachtanlagen und für die Betreibung der Schmelzhütten benötigte, wurde der Floßgraben durch unzugängliches Gelände von Oberschlema ca. 15 km zur Mulde bei Bockau vorangetrieben. Am 19.09.1559 gelangte endich das erste Wasser der Mulde auf die Schlemaer Gemeindemühle, die wie andere Mühlen ebenfalls vom Bau des Floßgrabens profitierten. Dem Floßgraben begleitet auf seinem Lauf ein ca. 2m breiter Weg, der früher ausschließlich dem Floßgrabensteiger und seinen Flößerknechten diente. Vor allem seit dem Aufkommen des Fremdenverkehrs sowie der Entstehung des Radiumbades Oberschlema entwickelte sich der Floßgraben als attraktiver Wanderweg, der bis heute nichts an seinen Reizen verloren hat.

Begleiten sie mich nun auf eine Wanderung entlang des Floßgrabens.

Wir beginnen unsere Floßgrabentour am Zechenplatz in Bad Schlema. Wenige Meter vom Huthaus entfernt, in dem sich heute eine traditionelle Gaststätte befindet, war bis nach dem Kriege 1945 der ehemaligen Floßanger, wo die Hölzer angetrocknet und dann mit Pferdefuhrwerken nach Schneeberg gefahren wurden. Leider fiel dieser Abschnitt des Floßgrabens dem wilden Bergbau der Nachkriegsjahre zum Opfer. Die großen alten Weiden künden noch vom alten Grabenverlauf.

Mit der Wiederbelebung des Radiumbades in den 90-er Jahren entstand auch der ca. 1 km lange verloren gegangene Grabenabschnitt neu. Er führt nun durch den Kurpark Schlemas bis zu einer Kaskade, wo das Muldenwasser schließlich wieder über dem Schlemabach seinem alten Flusse entgegen fließt.

Hier an diesem schön gestalteten Ende des Floßgrabens wandern wir durch den Kurpark und erreichen nach ca. 1 km wiederum eine Kaskade. Hier endete bis 1998 der Floßgraben.

Bevor wir eine Straße überqueren befand sich rechter Hand die ehemalige beliebte Ausflugsgaststätte "Panorama", die durch ihren herrlichen Ausblick auf das Schlematal ihrem Namen zu Recht trug. Heute schauen wir von hier auf die sanierten Haldenflächen, die uns den Eindruck einer großflächigen Parklandschaft vermitteln.

Nach den letzten Häusern von Bad Schlema empfängt uns angenehme frische Waldluft in einem von Rotbuchen dominierten Waldabschnitt am "Klosterberg".

Besonders im Frühjahr und Herbst erlebt der Wanderer hier einzigartige Stimmungen der Natur. Am einzigen größeren Fels auf dem Schlemaer Teil des Floßgrabens entdecken wir die eingemeißelte Jahreszahl St.H.I.9.9.1847. Alte Überlieferungen künden hier von einem Förster, der an dieser Stelle abgestürzt und tot im Floßgraben aufgefunden wurde. War es der hier häufig auftretende Nebel, der den Förster in den Tod führte? Es wird wohl ewig ein Geheimnis bleiben. Doch besonders bei nebligem Wetter soll sein Geist hier umherwandeln.

Sobald wir diese sagenumwobene Stelle verlassen haben, befinden wir uns nun auf Auer Flur. Die ca. 19.000 Einwohner zählende Kreisstadt Aue empfängt uns mit imposanten Ausblicken auf dem Auer Talkessel und die Erzgebirgshöhen über der Stadt. Ein großer gelber Backsteinbau, das um 1900 errichtete Pillingsche Sanatorium, erregte seiner Zeit durch außergewöhnliche Heilmethoden, wie Freiluftliegekuren spärlich bekleideter Patienten, Aufsehen. Außerdem diente das Gebäude als Lazarett, Kinderklinik und Diakonissen-Mutterhaus.

Nachdem wir die stark befahrene Bundesstraße überquert haben, empfängt uns wieder schöner Mischwald, der immer wieder Blicke auf Aue freigibt. Der aufmerksame Wanderer entdeckt hier öfter die Wasseramsel, einen unserer Amsel ähnelnden Vogel  mit weißem Brustfleck. Bei ihrer Nahrungssuche taucht sie in den Graben bis auf den Grund.

Anschließend fliegt sie einige Meter weiter. Man kann den Vogel viele hundert Meter auf diese Weise begleiten. Ungefähr auf halber Wegstrecke zum Rechenhaus kommen wir an den Fluter am Zschorlaubach. Im April 1557 hatte man diese Stelle erreicht und konnte somit das Wasser des Zschorlaubaches nutzen, um erstes Holz nach Schneeberg zu flößen.

Von nun an wurde das Gelände felsiger und steiler. Darum überlegte man, den Graben auf Böcken weiterzuleiten. Da es aber viele Gegner des Grabens gab, die verärgert wegen der Wasserentnahme aus dem Zschorlauchbach waren und um ihre Existenz bangten (Wasser war damals sehr wertvoll, vor allem zum Antrieb von Mühlen und Hammerwerken), fürchtete man, dass diese die Böcke umstoßen könnten und trieb den Bau auf herkömmliche Weise voran. Diese Stelle am Fluter, wo das Muldenwasser den Zschorlaubach überquert, dient heute als beliebter Rastplatz für Wanderer und Radfahrer.

Nachdem wir am Sportplatz Auerhammer den Auer Ortsteil Neudörfel verlassen, empfängt uns wieder dichter Wald. Doch anders als bisher wirkt diese Landschaft wild, denn die Mulde hat sich im weichen Auer Biotitgranit ein tiefes Tal heraus gewaschen. Riesige Buchen, darunter die "Floßgrabenbuche" mit einem Umfang von 3,70 m bestaunt der Wanderer links und rechts des Floßgrabens.

Hier befindet sich auch einer von 9 sogenannten Hauptausschlägen, von denen aus die Wassermenge auf bestimmten Abschnitten reguliert werden kann.

Der Floßgrabensteiger, der seit der Fertigstellung des Grabens für dessen baulichen Zustand verantwortlich war, musste täglich den Graben ablaufen, Schäden reparieren, ihn eisfrei halten, damit die Mühlen arbeiten konnten und mit seinen Flößerknechten das zu flößende Holz zu begleiten, gehörten zu seinen Aufgaben.

Meine heutige Arbeit als Floßgrabensteiger ist dabei weniger mühsam, als die unserer Vorfahren. Ich melde Schäden am Graben weiter, säubere ihn und setze mich für seine touristische Betreuung ein. Bald hören und sehen wir, wie Wasser mit enormen Druck aus dem Berg austritt. Hier an der Abzugsrösche von der ehemaligen Wolframitgrube ist ein kleiner Rastplatz angelegt worden. In dieser Grube wurde Wolframerz abgebaut, das vor allem im Krieg als Stahlhärtungsmittel und in der Lampenindustrie zum Einsatz kam. 

Nur wenige Meter weiter sehen wir rechts einen Stolleneingang. Er zeugt vom alten Bergbau in unserer Region. Der Stollen ist durch 2 Bahnschwellen, die über dem Graben liegen, erreichbar. Mutige wagen sich einige Meter ins dunkle, feuchte Felsmassiv.

Gegenüber dem Stolleneingang säumen Exemplare eines der häufigsten Sträucher des Floßgrabens, den Faulbaum - auch Pulverholz - genannt. Ihn erkennt man leicht an den einzelnen am Zweig stehenden erst grünen, dann roten und zuletzt schwarzen Steinfrüchten, die wie Beeren aussehen.

Der Name Pulverholz stammt aus einer Zeit, als das Holz die beste Kohle zur Schießpulverbereitung lieferte. Der Name Faulbaum erinnert an den fauligen Geruch der Rinde. Dieser wildromantische Abschnitt des Floßgrabens mit seinen vielen Zeugen des alten Bergbaus wird mit einer großen Trockenmauer, die zum Schutz des Floßgrabens angelegt wurde, ergänzt.

Die Mauer hält seit vielen Jahrzehnten den Druck der Gesteinshalde stand. Jeder Naturfreund ist begeistert von sich ständig ändernden Ausblicken, dem Rauschen der wilden Mulde im Tal. Früher empfanden die Menschen, wie uns aus Schriften überliefert ist, diesen Abschnitt als furchtbar Schrecken erregend und finster. Uns jedoch gibt er heute jene Ruhe wieder, die uns in unserem oft finsteren, schrecken erregenden Alltag verloren geht.

Wieder macht der Floßgraben eine Kurve und bietet uns erneut einen interessanten Anblick. Links unter uns schauen wir auf die Eisenbahnbrücke, die 1875 mit dem Bau der Eisnbahnstrecke Aue - Adorf entstand. Die Brücke schließt sich dem sogenannten Bockauer Tunnel an. Er ist 294 m lang, 7 m hoch und 10 m breit. Auf der stillgelegten Eisenbahnbrücke ist in den letzten Jahren ein Radweg von Aue bis nach Blauenthal enstanden.

Das unberührte romantische Muldental mit der Tunneldurchfahrt wird eine große touristische Aufwertung mit sich bringen. Hoffen wir, dass der Charme des Muldentals dennoch erhalten bleibt.

Langsam wird der Höhenunterschied zwischen Floßgraben und Mulde immer geringer, das heißt, wir nähern uns unserem Ziel, dem Rechenhaus. Hier, wo das Muldenwasser bei 425 m N.N. seinen Fluss verlässt, um bei Niederschlema bei 330 m N.N. zu ihm zurückzukehren, endet unsere Wanderung.

Im Graben sehen wir immer wieder Forellen, die sich blitzschnell im Wasser bewegen und im Spiel von Licht und Schatten für unsere Augen nur kurz zu sehen sind.

Nun ist es soweit, unvermittelt wenige Meter über dem Muldenufer empfängt uns quirliges Leben am Rechenhaus. Radfahrer, Wanderer, Hochzeitsgesellschaften geben sich hier ein  geselliges Stelldichein. In der höchstwahrscheinlich ältesten Gastwirtschaft Sachsens lässt sich unter dem Schutz der hohen Bäume oder in den anheimelnden Gasträumen gut ausspannen.

Das Rechenhaus wurde 1558 zeitgleich mit dem Floßgrabenwehr erbaut. Diese wurde leider 1954 durch ein schweres Hochwasser zerstört. Es bleibt uns als Aufgabe, dieses wieder zu errichten. Das Haus diente dem Rechenwärter und Floßgrabensteiger als Wohn - und Arbeitsstätte.

Bereits im Entstehungsjahr 1558 erhielt das Rechenhaus Schankrecht und ist bis heute eine beliebte Ausflugsgaststätte am Schneeberger Floßgraben.

Wer nun gestärkt die 15,3 km  bei lediglich 70m Höhenunterschied zurückwandern möchte, wird überrascht sein völlig neue Eindrücke wahrzunehmen. So wird es dem Wanderer immer wieder ergehen am für mich schönsten, geheimnisvollsten und lehrreichsten Wanderweg des Erzgebirges.

 

Glück Auf!

 

Der Floßgrabensteiger

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© Peter Fabritzek
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